Umgang mit Angst

“Angst” und damit im Zusammenhang “Macht” ist ja das Thema eines TA-Talks gewesen. Von unserm Mitglied Hans Peter Pimperl habe ich dazu einen interessanten Link bekommen. Es ist ein “Focus” Gespräch mit dem bekannten Hirnforscher Dr. Hüther: Es geht um den Umgang mit Corona – natürlich, was sonst!
https://www.focus.de/gesundheit/talk-mit-dr-gerald-huether-jetzt-live-hirnforscher-erklaert-wie-corona-die-gesellschaft-spaltet_id_12336096.html?fbclid=IwAR2U5w-E5Y_6SVQg3UczfCUrlMVGpAA4c5HkxqWdHFM8CwK-wC6tqAe8Wdk

Besonders die Schlussfrage und seine Antwort darauf fand ich spannend:
Frage: “Ware so ein Umgang (mit Corona) wie z.B. in Schweden auch in Deutschland möglich gewesen?
Antwort “Ich glaube nicht. Dazu sind wir zu Obrigkeitshörig.”
Hört euch den Beitrag an, es lohnt sich.

Nichts tun, überreagieren, oder angemessen handeln?

Ich möchte eine Diskussion anstoßen, die sich mit der aktuellen (Corona) Situation beschäftigt. Ich finde, dass das Cathexiskonzept der Schiff´s hervorragend geeignet ist, verschiedene Aspekte zu beleuchten.

Zur Erinnerung:
Dieses Konzept besteht aus mehreren Teilen, die eine logische und inhaltliche Verknüpfung haben:

Der innere Prozess: Abwertung/Missachtung

Die Abwertung/Missachtung stellt einen internen Mechanismus dar, der nur indirekt, durch externe Manifestation, wie z. B. Passivität erkennbar ist. Dabei ignoriert die Person bestimmte Aspekte der eigenen Person, anderer Personen, oder aber der realen Situation.

Der äußere Prozess, Passivität und Grandiosität:

Passivität

Der äußere, im Verhalten sichtbaren Prozess, den wir passives Verhalten nennen, ist in vier Formen beobachtbar. Wir meinen damit Verhalten, das nicht problemlösend ist. Passivität wird induziert von „Abwerten“, was bedeutet, dass bestimmte Aspekte der Realität nicht oder verzerrt wahrgenommen werden. In der Reaktion darauf können wir vier unterschiedliche Verhaltensweisen beobachten:

* Nichts tun (da kann min/ich nichts tun)

* Überanpassung (da muss man/ich doch)

* Agitation/Umtriebigkeit (Aktionismus ersetzt Zielgerichtetheit)

* Starre/Gewalttätigkeit (plötzliche Entladung, Wut, Agression)

Grandiosität
ist die Rechtfertigung für passives Verhalten und Abwertung. Sie besteht in dem Glauben, man könne nichts tun (“…geht nicht”). Grandiose (verallgemeinernde) Sätze wie: „immer passiert (mir) das”, „nie gelingt (mir) uns etwas”, „alle Politiker, Selbstständige sind…”, „das ist doch überall so”, lassen auf Grandiosität, und damit eine Verzerrung der Wahrnehmung schließen. Grandiosität ist die Rechtfertigung, sich mit der Wirklichkeit nicht zu beschäftigen, und die „Sinnlosigkeit” zu dokumentieren.

Grandiosität ist, wenn man genau hinhört, „hörbar“.

Eine Betrachtung der Krise

Die Corona – Zeit mit ihren Aussagen, Maßnahmen und den Reaktionen darauf, sind ein reiches Betätigungsfeld für Kommunikationsexperten. Da uns Transaktionsanalytiker ja vor allem der Zugang über Kommunikation zu Menschen, Gruppen, Organisationen beschäftigt, können wir die agierenden Personen beobachten und uns Gedanken dazu machen.

Der Beginn der Krise war gekennzeichnet durch widersprüchliche Meldungen und Berichte, die Sichtweise „das ist so weit weg (China), das betrifft uns nicht“(nichts tun). Als das Verhängnis näher kam (Stichwort Ischgl!) konnte man erste panikartige Reaktionen bemerken (überanpassen, agitieren):

Von „es wird bald niemanden mehr geben, der nicht jemanden kennt, der gestorben ist“ über „Klopapier-Bevorratung“, Hamsterkäufe von Konserven, Spezialisten Tipps „wie überlebe ich als autarke Einheit“, bis zu Ratlosigkeit „was bitte sollen wir da machen“, Gefühlen der Hilflosigkeit, Verschwörungstheorien („Bill Gates hat das ausgelöst, um Impfstoff zu verkaufen“, „die Chinesen haben das ausgelöst um die westliche Bevölkerung zu dezimieren“, „das ist eine Aktion der Regierung(en) zur Unterdrückung von Freiheit, nicht nur Message Control sondern Opinion, ja sogar Mind Control”), “koste es was es wolle” (Grandiosität), reichte die breite Palette an Aktionen und Reaktionen darauf.

Dass unterschiedliche Regierungen sehr unterschiedlich auf die steigenden Infektionszahlen reagiert haben, machte die Sache auch nicht klarer.

Man hatte das Gefühl, dass sich Rationalität und Sachverstand immer mehr zugunsten von Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit abgemeldet hatten.

Da verwundert es nicht, dass Menschen je nach ihrer Veranlagung, persönlichen Geschichte sehr unterschiedliche Zugänge gesucht und gefunden haben.

Allen gemeinsam schien aus meiner Sicht der Wunsch zu sein, brauchbare Informationen zu finden, um etwas zu haben, an dem sie sich orientieren können.

So ist es , denke ich, zu verstehen, dass die Einen der täglichen „Show-Kür“ der Regierungsspitzen atemlos folgten, während Andere ihr Heil im durchforsten des Internets nach Informationen suchten. Beides führte aber zu Abhängigkeiten, der Suche nach der „Wahrheit“, dem zeitweisen Ausblenden von ebenfalls relevanten Informationen, dem wahrnehmen der sinnlich erfassbaren Realität.

Ich gebe schon zu, dass ein „unsichtbarer Gegenspieler“, wie der COVID-19 Virus, etwas anderes ist als das beobachtbare Verhalten meines Kindes, meiner Eltern oder meines Chefs, aber es zeigt auch, wie schnell wir zu Legendenbildung, dem Erfinden von Geschichten neigen, um uns Unbekanntes zu erklären.

Frage: Wo findest du Beispiele, die „nahelegen“ dass in der abgelaufenen Zeit von Corona abgewertet wurde? Wenn ja, was, wann und von wem?

Frage: Wo konntest Du Passivität in den letzten Monaten beobachten? Welche Formen? (nichts tun, überanpassen, agitieren, Gewalt)

Frage: Welche „grandiosen“ Worte, Sätze hast du in diesem Zusammenhang in der letzten Zeit gehört?

Auf lebhafte Reaktionen freue ich mich!

Hans-Georg Hauser (TSTA-O em.)

Angst, Ohnmacht und Verschwörungstheorien

Von unserem Mitglied Hans Peter Pimperl habe ich diesen Link bekommen:
In einem Artikel beschäftigt sich der Münchner Psychotherapeut Klaus Eidenschink, Coach, Gestalttherapeut mit transaktionsanalytischem Hintergrund, mit unserer Vorliebe für Verschwörungstheorien, warum wir “Fake news” Glauben schenken, dem Auslöser Angst und wie wir auf (vermeintliche) Ohnmacht reagieren. Kurz zusammengefasst habe ich es so verstanden:

Aus dem (kindlichen) Erleben haben viele Menschen folgendes mitgenommen:
1. “Die” (früher) die Eltern, heute Regierungen, Institutionen, lügen uns an! Aussagen wie: “bald wird es niemanden mehr geben, der nicht jemanden kennt, der an Corona gestorben ist” bestärken Menschen in dieser Meinung.
2. die eigene Wahrnehmungssicherheit (die von den Lügen abweicht) muß gesichert werden!
3. ohnmachtsgetriebene Rache (“wir müssen denen die Maske (!) vom Gesicht reissen”)
4. unbewußte Angstprojektionen (“es gibt gefährliche, unsichtbare Mächte“)
Fazit:
Verschwörungtheorien sind identitätsstiftend, (i.S.v. ich bin nicht allein), reduzieren das Gefühl, Opfer zu sein, geben das Gefühl Rache üben zu können und wehren Angst ab. Sie sind damit Mittel zur psychischen Stabilisierung.
Da sich diese Prozesse überwiegend im Gefühlsbereich abspielen, ist eine Argumentation auf der Er-Ebene nicht sinnvoll und führt selten zu einer Lösung.
Hans-Georg Hauser
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